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[jw] Fußfessel Facebook

20.08.10 - 09:01 Uhr

Big Brother war gestern, Facebook ist heute. Während hierzulande Politiker und Medien noch eifrig damit beschäftigt sind, sich über »Google StreetView« aufzuregen, geht das eine halbe Milliarde Nutzer zählende »soziale Netzwerk« Facebook bereits einen Schritt weiter. Facebook-Nutzer können ab sofort genau verfolgen, wo sich ihre Online­freunde gerade aufhalten. Am Mittwoch schaltete die Plattform ihre neue Funktion »Facebook Places« frei, bei der Internethandys in Echtzeit den aktuellen Standort mitteilen. Bislang nur in den USA liest das Gerät auf Knopfdruck über den eingebauten GPS-Empfänger des Mobiltelefons den derzeitigen Standort aus. So können die »Freunde« des Nutzers sehen, wo er sich gerade aufhält. »Man kann mit dem Mobiltelefon in Echtzeit mitteilen, wo man mit wem ist«, sagte Places-Produktmanager Michael Eyal Sharon bei der Vorstellung des Dienstes am Mittwoch (Ortszeit) in San Francisco. Nutzer könnten so entdecken, wenn ihre Freunde bei derselben Veranstaltung oder am selben Urlaubsort sind, freut sich der Internetgigant.

Für andere ist die schöne neue Welt des »Web 2.0« hingegen eine Horrorvorstellung. Wie lange wird es dauern, bis Personalchefs von ihren Angestellten verlangen, die Places-Funktion zu aktivieren, um erkennen zu können, welcher ihrer Untergebenen sich der Firma am nächsten aufhält und im Bedarfsfall herbeizitiert werden kann? Während Privatdetektive um ihre Jobs fürchten, freuen sich Scheidungsanwälte auf das Geschäft ihres Lebens.

Einen ähnlichen Dienst hatte erst kürzlich Google mit seiner Funktion »Buzz« gestartet. Diese bettet Netzwerke wie Facebook in den E-Mail-Dienst GoogleMail ein. Viele Daten der Nutzer und auch ihr Standort waren so plötzlich automatisch freigegeben. Auf die daraufhin einsetzende Kritik reagierte Google durch eine kosmetische Änderung der Einstellungen.

Doch es geht nicht (immer) nur um Spielereien. Anfang August wurde bekannt, daß Google und der US-Geheimdienst CIA zu Geschäftspartnern geworden sind. Beide haben in das Unternehmen »Recorded Future« (Aufgezeichnete Zukunft) investiert. Diese Firma schickt ihre Suchmaschinen auf Streifzüge durch unzählige Webseiten, Blogs, Twitter-Konten und Datenbanken. Anschließend werden die Verbindungen und Beziehungen zwischen den erhobenen Daten analysiert, um dadurch Zusammenhängen zwischen Ereignissen auf die Spur zu kommen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Dazu müsse man nur analysieren, wer in der Vergangenheit wie an welchen Ereignissen beteiligt war, hofft »Recorded Future«. Dadurch will die Firma nicht weniger, als die Zukunft vorhersagen, bzw. zumindest Trends deutlich machen. Das Unternehmen preist seinen Dienst als »unverzichtbar« an, um zum Beispiel Finanzgeschäfte zu tätigen oder Konkurrenzfirmen zu beobachten, aber auch, um »politische Verbindungen und Familienbeziehungen« einer bestimmten Person aufzudecken oder deren künftige Reisepläne vorherzusagen.

Währenddessen wird in der Bundesregierung weiter daran gearbeitet, Vorratsdatenspeicherung und Online­durchsuchungen in leicht modifizierter Form doch noch durchzusetzen, nachdem die Verfassungsrichter sie zunächst gestoppt hatten. Damit das keiner merkt, beschäftigt man die auf ihre Privatsphäre bedachten Bundesbürger erst mal damit, ihre Wohnhäuser bei Google StreetView verpixeln zu lassen.

 Twitter, Facebook und Google? - 09-01-11 10:13

Quelle: www.jungewelt.de/2010/08-20/062.php